Freie Republik HORA
Freie Republik HORA
Wie reden wir über Schauspieler und Schauspielerinnen mit Lern·Schwierigkeiten?
Wie reden wir über Schauspieler und Schauspielerinnen mit Lern·Schwierigkeiten?

von Sarah Marinucci

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Das Theater HORA ist in Zürich.
2012 hat HORA mit Jérôme Bel zusammen·gearbeitet.
Jérôme Bel ist Tanz·Künstler.
Er kommt aus Frankreich.

Jérôme Bel und das Theater HORA haben zusammen das Stück «Disabled Theater» gemacht.
Der Titel ist Englisch.
Übersetzt heißt das Stück: Behindertes Theater.

Das Stück war ein großer Erfolg.
Es wurde in vielen Städten der Welt gezeigt.
Zum ersten Mal waren Schauspieler und Schauspielerinnen mit Lern·Schwierigkeiten in den wichtigsten Theatern der Welt zu sehen.

Sehr viele Menschen haben das Stück gesehen.
Viele Zeitungen haben darüber geschrieben.
Viele Menschen haben darüber geredet.

Es gab verschiedene Meinungen dazu.

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Oft waren die Texte über das Stück schwer zu lesen.
Und Gespräche über das Stück waren oft schwierig.
So konnten nicht alle Menschen mit·reden.

Aber:
Es wurde nur über das Stück geredet.
Und es wurde über die Schauspieler und Schauspielerinnen geredet.
Es wurde nicht mit den Schauspielern und Schauspielerinnen geredet.
Das war schwierig.

Alle sollen sich aus·tauschen

Oft waren die Texte über das Stück schwer zu lesen.
Sie waren in Fach·Sprache geschrieben.
Auch bei den Gesprächen über das Stück war die Sprache oft schwierig.
Es gab keine Gespräche, die alle verstanden haben.
So konnten nicht alle Menschen mit·reden.

Darum arbeitet HORA jetzt mit Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen zusammen.
Sie kommen von «DisAbility on Stage».
HORA und DisAbility on Stage haben zusammen an einem Projekt gearbeitet.
Es heißt «Freie Republik HORA».
In dem Projekt können alle mit·reden.
Alle können sich aus·tauschen.
Alle finden zusammen raus: Wie kann das klappen?

Das Theater HORA macht seit vielen Jahren das Bühnen·Ereignis «Freie Republik HORA».

Worum geht es bei Freie Republik HORA?

Es geht darum, zusammen etwas auszuprobieren.
Und es geht um Arbeits·Teilung.

Wer entscheidet im Theater?
Wer spielt welche Rolle?
Und wer leitet das Spiel?

Und was sagt das Publikum dazu?

So ein Bühnen·Ereignis gab es vorher nicht.
Das Theater HORA hat das zum ersten Mal gemacht.

Zuerst haben alle zusammen ausprobiert:

  • Kann man als Team zusammen entscheiden?
  • Kann man als Team ein Stück planen und spielen?
  • Wie geht das?

Dann werden Zuschauer und Zuschauerinnen eingeladen.
Sie sehen sich die Stücke an.
Dann sagen sie:
Was hat mir gefallen?
Und was hat mir nicht gefallen?

Nur die Zuschauer und Zuschauerinnen sagen ihre Meinung dazu.
Die Chefs vom Theater HORA machen es nicht.
Oder nur sehr selten.

Der Regisseur Gianni Blumer während der Probe zu seinem Stück «Das Festessen der neuen Präsidentin von Hunger Games»

Der Regisseur Gianni Blumer während der Probe zu seinem Stück «Das Festessen der neuen Präsidentin von Hunger Games»

Jetzt machen 6 Regisseure und Regisseurinnen eigene Stücke.
Sie entscheiden: Was passiert auf der Bühne?
Wer spielt welche Rolle?
Und es geht um die Fragen:
Wie arbeiten die Mitglieder der Gruppe zusammen?
Und: Welche Rolle haben die Assistenten und Assistentinnen?

Für ihre Stücke bekommen die 6 Leute Geld.
Damit können sie die Stücke machen.

Es gibt eine wichtige Regel bei der Arbeit.
Die Regel heißt:
Alles, was nicht verboten ist, ist erlaubt.
Verboten ist nur:
sexuelle Übergriffe

  • Gewalt
  • etwas kaputt·machen, das mir nicht gehört

Warum wurde das Projekt gemacht?
Alle Team·Mitglieder von HORA lernen etwas Neues dabei.
Sie üben:
Was passiert, wenn ich bestimme?
Wer übernimmt die Verantwortung?
Wie fühlt es sich an, wenn ich selbst die Verantwortung übernehme?

Es war schwierig, mit dem Publikum zu reden.

Auch das Publikum hat eine neue Rolle bei «Freie Republik HORA».
Sie können sagen: Wie finde ich das Stück?
Sie können mit dem HORA-Team darüber reden.
Die Menschen im Publikum sprechen mit den Schauspielern und Schauspielerinnen mit Behinderung.
Das war zuerst schwierig.
Und niemand wusste genau, warum.

Ist es schwierig zu sagen: Das gefällt mir nicht?
Trauen sich die Menschen im Publikum nicht?
Wollen sie es nicht, weil die Schauspieler und Schauspielerinnen eine Behinderung haben?
Ist das der Grund?
Oder hatten die Menschen im Publikum zu wenig Zeit zum antworten?
Müssen sie länger über ihre Antworten nachdenken?

So können wir einfacher mit dem Publikum reden.

Dann wurden die Gespräche mit dem Publikum verändert.
Das HORA-Team hat verschiedene Sachen ausprobiert.

Es wurde nicht mehr nur geredet.
Das Publikum konnte zum Beispiel Bälle werfen.
Oder seine Meinung in einem Brief aufschreiben.
Auch so konnten alle zusammen raus·finden:
Hat das Stück dem Publikum gefallen?

Das hat besser funktioniert.

Aber: Die Schauspieler und Schauspielerinnen fanden das Publikums·Gespräch besser.
Sie wollten lieber direkt mit den Zuschauern und Zuschauerinnen reden.

Ein Foto des Abschluss·Symposiums der «Freien Republik HORA»

Abschluss·Besprechung vor der Premiere von Tiziana Pagliaros Stück «Randen Saft Horror».

Dann wurde das Gespräch mit dem Publikum noch mal verändert.
Zuerst haben 2 Fach·Leute etwas zu dem Stück gesagt.
Sie kennen sich mit dem Theater aus.
Diese beiden Fach·Leute sprechen dann 20 Minuten lang über das Stück.
Das Publikum hört dabei zu.
Danach können die Menschen im Publikum mit·reden.
Und sie müssen nicht frei reden.
Sie bekommen Fragen gestellt.
Oder sie können ihre Antworten alleine auf Video aufnehmen.
Das hat besser funktioniert.
So konnten die Menschen im Publikum ihre Meinung sagen.
Ihre Antworten wurden dann von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen untersucht.
Durch diese Untersuchung gab es dann neue Fragen.
Nämlich diese:

1 – Wer ist das Publikum von «Freie Republik HORA»?
Und was machen die Zuschauer und Zuschauerinnen?
  • Wie sprechen Menschen über «Freie Republik HORA»?
    Und wie schreiben die Zeitungen darüber?

Es gibt 6 verschiedene Gruppen im Publikum:

  • HORA-Schauspieler und Schauspielerinnen
  • Familien·Mitglieder und Bekannte vom HORA-Team
  • Menschen, die sich für Kunst interessieren
  • Künstler und Künstlerinnen
  • Menschen, die Texte über das Theater schreiben, zum Beispiel für eine Zeitung
  • Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen

Das heißt: Die Menschen im Publikum sind sehr unterschiedlich.

2 – Wie sprechen Menschen über «Freie Republik HORA»?

Nach dem Stück gibt es ein Publikums·Gespräch.
Alle reden zusammen über das Stück.
Sie werden gefragt: Was haben Sie heute Abend gesehen?
Die Menschen im Publikum beschreiben das Stück.
Und sie sagen ihre Meinung dazu.
Sie sagen: Was hat mir gefallen?
Und: Was hat mir nicht gefallen?
Und jede einzelne Person im Publikum muss sich überlegen:
Wie viel will ich sagen?
Will ich überhaupt etwas sagen?
Was verrate ich dabei über mich selbst?

3 – Was hat der Raum damit zu tun?

In welchen Räumen wurden die Stücke gespielt?
Auf welcher Bühne wurden sie gezeigt?
Meistens waren es die Proben·Räume vom Theater HORA.
Nur wenige Aufführungen fanden auf einer Theater·Bühne statt.
In den Probe·Räumen war es privater.
Es waren mehr Familien·Mitglieder und Bekannte dabei.
Darum waren die Gespräche anders.

Im Theater·Raum gab es eine Tribüne.
Das heißt:
2 Fach·Leute haben sich gegenüber vom Publikum auf die Bühne gesetzt.
Dann haben sie mit dem Gespräch angefangen.
Zuerst haben nur die 2 Fach·Leute über das Stück geredet.
Das Publikum war ausgeschlossen.
Danach konnten dann alle mitreden.
Aber sie mussten dafür ein Zeichen geben.
Und es gab Regeln für die Gespräche.
Zum Beispiel: Wie lange darf eine Person reden?
Oder: Wer redet in welcher Reihen·Folge?

Was haben wir gelernt?

Es ist nicht immer leicht, vor Leuten über ein Stück zu reden.
Vielleicht will man nicht vor allen sagen:
Es hat mir nicht gefallen.
Darum gibt es auch eine Video·Kabine.
Das ist ein kleiner Raum.
Ich bin alleine in dem Raum.
Dann kann ich ein Video aufnehmen.
So kann ich auch sagen: Was denke ich über das Stück?
Aber die anderen Menschen im Publikum hören mir nicht dabei zu.
Und man kann sich mehr Zeit dafür nehmen.
Man kann es in seinem eigenen Tempo machen.
Für manche Menschen war das einfacher.

Was haben die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen bei der Arbeit an «Freie Republik HORA» heraus·gefunden?
Alle haben zusammen etwas Neues ausprobiert.
Und alle haben dabei gelernt.
Alle wissen jetzt: Man kann auf verschiedene Art über Kunst sprechen.
Und: Alle können gut miteinander reden.
Aber man braucht verschiedene Möglichkeiten dafür.

Ein Foto von Anton Rey. Er ist Theater·Professor an der Zürcher Hochschule der Künste.

Sarah Marinucci ist Theater·Wissenschaftlerin. Sie schreibt eine Doktor·Arbeit am Institut für Theater·Wissenschaft an der Universität Bern. Eine Doktor·Arbeit ist ein Buch. Sie will etwas heraus·finden. Sie schreibt darüber, was die Zuschauer und Zuschauerinnen über Schauspieler und Schauspielerinnen mit Behinderung denken. Und was die Zeitungen über das Theater schreiben.

Ein Foto von Anton Rey. Er ist Theater·Professor an der Zürcher Hochschule der Künste.

Sarah Marinucci ist Theater·Wissenschaftlerin. Sie schreibt eine Doktor·Arbeit am Institut für Theater·Wissenschaft an der Universität Bern. Eine Doktor·Arbeit ist ein Buch. Sie will etwas heraus·finden. Sie schreibt darüber, was die Zuschauer und Zuschauerinnen über Schauspieler und Schauspielerinnen mit Behinderung denken. Und was die Zeitungen über das Theater schreiben.

Mehr über die Freie Republik HORA

Bei HORA führen Menschen mit Behinderung Regie. Deshalb haben wir neu über Regie nach·gedacht.

Nele Jahnke war Assistentin bei «Freie Republik HORA». Hier schreibt sie darüber.

Die Mitglieder von HORA haben Tagebuch geführt. Hier kann man etwas davon lesen.

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